„Ich weiß jetzt, warum Männer so gerne Holz hacken“ kommentiert Lisa, während sie ihr frisch gehacktes Holz in die kleine Hütte trägt. „Du machst was körperliches, musst nicht reden und alle lassen dich in Ruhe. Also eigentlich ziemlich toll“ – ist ihr Fazit nach 20 Minuten am Holzhackplatz im Regen vor der Holzhütte. Da wir eine reine Frauengruppe sind und uns 3 Tage selbst verpflegen, haben wir alle „männlichen“ Aufgaben irgendwie aufgeteilt, die so zum Überleben wichtig sind. 15 Kilo (oder wahrscheinlich sogar noch mehr) fast 30 Kilometer durchs Moor getragen. Unterwegs am Bach Wasser aufgefüllt. Mit dem Gaskocher Kaffee und Essen gekocht. Ein Feuer in der Hütte gemacht, an dem wir jetzt das Wasser abkochen. Ein paar Stunden auch mal nicht geredet.
Bären haben wir auf unserer 3-tätigen Wanderung leider keine getroffen. Auch keine Männer. Oder überhaupt Menschen. Warum im Mai niemand in Lappland wandern geht, erfahren wir schon sehr bald, nachdem wir aus dem Örtchen Kumi rausgewandert sind: unsere erste Pfütze, die eher an einen See erinnert. Wir versuchen sie, sehr weitläufig zu umgehen, versinken aber schon bald knöcheltief im Match. Zum Glück sehe ich auf der Karte eine kleine Fortstraße, die wir statt dem Wanderweg gehen können und die einigermaßen trocken ist. Nach ungefährt 8 Kilometern sind wir endlich auf dem eigentlichen Wanderweg angekommen – dem E6, der von Nordfinnland bis in die Türkei führt. Diesen Meilenstein müssen wir erstmal mit einem Schluck Kaffee begießen. Lisa und ich sind ziemliche Junkies, ganz im Gegensatz zu Franzi, die trotzdem Gas und Kocher für unser Sucht mitschleppt. So ein frisch gebrühter Kaffee in der Natur schmeckt einfach so viel besser als fast jeder Flat White im Hipstercafè (obwohl ich da schon auch ziemlich gern bin und es in Oulu einige nette Cafés und Baristas gibt).
Da wir noch über 20 Kilometer vor uns haben, gibt es nur einen kurzen Kaffeestop und dann geht es schon wieder weiter. Die Füße bleiben den ganzen Tag gut feucht, da die Wanderwege hier im Mai noch ziemlich unter Wasser stehen. An manchen, sehr schattigen Stellen sind sogar noch Schneereste zu sehen. Allerdings sind wir auch auf der Höhe von Island und Südgrönland unterwegs. Dafür haben wir bis 11 Uhr abends Sonne, erst dann geht sie ganz langsam unter und es fängt das Dämmern an. Bis dahin sollten wir es zur kleine Selbstversorgerhütte im Moor schaffen, hoffen wir zumindest.

Catwalk im Moor
Unterwegs haben nette Finnen immer wieder Stege gebaut, damit Wandernde auch sicher durchs Sumpfgebiet kommen. Manchmal hören die Stege aber viel zu früh auf und wir springen von Grasbüschel zu Grasbüschel. An einer Stelle hatten die Stegbauer wohl keine Lust mehr: Es liegen einfach nur Holzlatten auf den Pfützen rum. Zum Glück sind sie nicht ganz so schmal wie Schwebebalken und wir schaffen es alle irgendwie auf die andere Seite.
Wie bei jeder langen Wanderung, sind die letzten Kilometer vor dem Ziel die, die sich am meisten ziehen. Über einige Geröllfelder machen wir sogar noch einige Höhenmeter und noch ein paarmal kurze Pausen. Wir fragen uns, wo diese Steine mitten im Wald bzw. Sumpf wohl herkommen. Und fragen uns bis heute, warum die Finnen Schilder mit Nasen mitten in die Natur hängen. Ist es Gestank, vor dem sie uns warnen wollen? Eine scharfe Kurve für Skifahrer im Winter? Oder eine Schlange, von der wir sogar schon eine gesehen haben?
Irgendwann sehen wir dann im Wald etwas Rotes. Die erste Hütte. Endlich. Sehr sauber und kuschelig, nur leider ohne Matratzen. Lisa und Franzi müssen daher auf dem Holz bzw. einer dünnen Isomatte schlafen, die in der Hütte liegt. Das kann ich meinem 10 Jahre älteren Körper nicht mehr antun, vor allem nach einer 30km Wanderung. Ich habe daher in weiser Voraussicht meine Luftmatratze mitgenommen.
Erstmal geht aber jede ihrer häuslichen Aufgaben nach: Franzi kocht Pasta über den Gasherd, Lisa hackt Holz und ich schüre ein Feuer an, damit wir das Wasser abkochen und unsere Schuhe und Socken trocken können. Dazwischen hab ich noch Zeit für einen kleinen Sketch. Beim Abendessen hauen wir alle so richtig rein und lassen uns die Nudeln mit Pesto so richtig schmecken. Abends liege ich noch lange wach und freue mich, diese Nacht in dieser Hütte mitten in der Natur mit zwei anderen abenteuerlustigen Frauen zu verbringen. Der Sommer kann kommen.
Den nächsten Morgen starten wir sehr gemütlich. Obwohl es quasi nicht dunkel wird, schlafen wir ziemlich lang. Und als ich mich müde endlich aus dem Schlafsack schäle, hat Lisa sogar schon Kaffee gemacht, den wir schwesterlich teilen. Zur nächsten Hütte ist es nicht so weit, daher stressen wir uns nicht und ich muss natürlich die Hütte im Moor noch sketchen. Irgendwann fegen wir dann ein letztes Mal durch die Hütte und wuchten die Rucksäcke wieder auf unsere Rücken. Wobei sie heute schon deutlich leichter sind als am Tag vorher.
Wir kommen an einer kleinen Siedlung vorbei, doch auch hier sehen wir keine Menschen. Wir geben jetzt etwas mehr Gas, da es nachmittags noch regnen soll. Eine alte Saunahütte auf dem Weg schauen wir uns aber trotzdem unterwegs an. Zwei kleine Betten, Tisch und ein Ofen – was braucht man schon mehr? Durch das Moor und über nochmal mehr Stege als gestern geht es weiter und an manchen Stellen sehen wir sogar etwas anderes als Bäume. Ein bisschen Himmel. Strommasten. Und in der Ferne einige Windräder. Die Stege durch das offene Moor sind irgendwie ziemlich gruselig. Hier möchte ich wirklich nicht reinfallen, vor allem nicht mit dem großen Rucksack. Gleichzeitig frage ich mich, wie diese Stege gebaut und in Schuss gehalten werden. Und ob sie nach jedem Winter neu gebaut werden müssen.
Am Ende eines über 1 Kilometer langen Stegs sehen wir schon unser heutiges Übernachtungsziel. Wir ziehen direkt ein, kochen einen Kaffee und genießen alle erstmal ein bisschen me-time. Nebenbei starte ich schon mal das Feuer, damit wir das Wasser abkochen können.
Abends kommt dann tatsächlich der angekündigte Regen. Gegen 11 Uhr abends wage ich mich kurz nochmal raus, um den Sonnenuntergang anzuschauen. Im Sturm macht das ganze aber nicht so viel Spaß, vor allem hat es die Sonne hier so gar nicht eilig, unterzugehen. Ich genieße den tollen Himmel noch ein bisschen und freue mich schon auf mein kuscheliges Bett.
Per Anhalter durch Lappland
Am nächsten Morgen regnet es immer noch. Bis nach Simo, wo auch wieder Busse fahren, sind es über 30 Kilometer. Daher starten wir direkt nach dem Frühstück im Regen los. Es geht vor allem über Stege zu einem Parkplatz, wo es auch einen Rundweg gibt. Wir hoffen, an dem Parktplatz oder an der Straße Menschen zu treffen, die uns mit nach Simo nehmen. Denn der Großteil der Wanderung geht an einer Straße entlang.
Es ist Sonntag, daher sind mehr Autos als gedacht unterwegs. Allerdings winken uns die meisten Autofahrer nett zurück, halten aber nicht an. Einige strecken uns sogar den Daumen hoch entgegen, so wie wir es machen. Per Anhalter fahren ist in Finnland leider nicht wirklich üblich. Irgendwann erbarmt sich eine Frau und hält an. Wir fragen sie auf Englisch, ob sie uns mit nach Simo nehmen kann. Während Lisa, Franzi und die Frau schauen, wie wir unsere großen Rucksäcke ins Auto bekommen, entdecke ich einen Aufkleber für einen Pannendienst auf ihrem Auto kleben – auf Deutsch. Schnell wird klar, dass sie auch aus Deutschland kommt und Anfang des Jahres nach Finnland ausgewandert ist. Welch ein Glück für uns. Wir quatschen auf der Fahrt ein wenig mit ihr, fragen sie aber leider nicht nach ihrem Namen. Statt 7 Stunden Fußmarsch sind wir in 20 Minuten in dem kleinen Örtchen Simo. Auf der Bank vor dem Supermarkt packen wir ein letztes Mal Franzis Gaskocher aus und kochen uns ein leckeres Mittagessen und natürlich Kaffee. So schnell hat uns die Zivilisation noch nicht wieder, auch wenn uns die Einheimischen teilweise sehr komisch ansehen, wie wir mit unseren Rucksäcken neben dem Parkplatz sitzen.
Fazit Finnland
Ich könnte definitiv auch noch länger in Finnland bleiben. Es gibt überall Kaffee, den man sich meist gratis nochmal auffüllen lassen kann. Die Menschen sind sehr introvertiert und ruhig, niemand schreit rum oder schaut laut Handyvideos im Zug. In der Bahn kann man sich sogar für ein paar Euro den Platz neben sich reserviert, damit sich da bloß keiner hinsetzt. Die Hütten sind top in Schuss und überall gibt es Feuerholt. Gäbe es hier Berge und wäre es nicht so lange dunkel und kalt, ich würde sofort nach Finnland ziehen.




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